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Gruppe Lübeck (1589)

StartseiteGottesdienst mit der Gemeinde der Auferstehungskirche 2013

Am 17. 11. 13 hat unsere Gruppe einen Gottesdienst mit der Gemeinde der Auferstehungskirche gefeiert. In den Mittelpunkt des von uns konzipierten und mit dem Pastor der Kirche abgesprochenen Gottesdienstes stand die Situation von Flüchtlingen, die aus Afrika und Asien nach Griechenland fliehen wollten. Hier der Wortlaut:

Einleitung

Sprecher I: Drei Schicksale von Flüchtlingen vor der griechischen Küste:
Sprecher II: Yussuf, ein Palästinenser war mit 11 Landsleuten und Syrern in einem Schlauchboot nach Griechenland unterwegs, als die griechische Küstenwache ihr Boot aufbrachte. Er berichtet: „Als wir tatsächlich auf ihr Boot genommen wurden, schlug man uns. Man befahl uns, nicht hoch zu schauen, damit wir ihre Gesichter nicht sehen konnten.“
Sprecher III: Umar, ein 27-jähriger Sudanese schildert seine Begegnung mit einem griechischen Offizier: „Der Offizier hat mich äußerst roh durchsucht. Als ich ihn bat, sanfter mit mir umzugehen, schlug er mich ins Gesicht. Eine meiner Töchter umfasste sein Bein, aber er trat sie zurück.“
Sprecher IV: Sediq, ein 18-jähriger Afghane berichtet: „Wir waren dreieinhalb Stunden auf unserem Boot unterwegs, als uns ein griechisches Polizeiboot entdeckte. Auf ihrem Boot wurden wir böse geschlagen. Sie nahmen uns alles ab, was wir besaßen, Geld, Handys, unsere Kleidung. Nach drei Stunden brachte man uns zurück auf unser Boot in türkische Gewässer. Sie beschädigten dies, nahmen uns den Motor weg. So blieben wir mit einem beschädigten Boot mitten auf dem Meer zurück.“

Gottesdienst (Hauptteil)

Anstelle einer Predigt (Dialog mit mehreren Sprechern)

Sprecher I: Der neue Film von Edgar Reitz, der seit einigen Wochen in deutschen Kinos läuft, zeigt einen Abschnitt der deutschen Geschichte, der weit zurück liegt, zeigt verzweifelte, verarmte Deutsche, die im 19. Jh. nach Südamerika aufbrachen, um dort ein neues, besseres Leben zu suchen.
Sprecher II: Viele verloren bei der Überfahrt ihr Leben, weil die Schiffe überfüllt
Sprecher III: Wie würden wir heute diese Menschen nennen?
Sprecher IV: Wirtschaftsflüchtlinge?
Sprecher I: Illegale?
Sprecher II: Eindringlinge?
Sprecher III: Nicht nur Deutschland, ganz Europa war bis vor wenigen Jahren Kontinent der Fliehenden und Auswanderer.
Sprecher IV: Naturkatastrophen
Sprecher I: politische Unterdrückung
Sprecher II: revolutionäre Wirren
Sprecher III: bittere Armut
Sprecher IV: Krieg und Völkermord
Sprecher I: Iren, Deutsche, Italiener, Polen, europäische Juden wurden in die ganze Welt vertrieben!
Sprecher II: Es ist dringend notwendig, unser historisches Verständnis zu entstauben!
Sprecher III: Aus der Geschichte, vor allem aus der Geschichte der Nazizeit wurden wichtige Lehren gezogen, die sich in unserer Verfassung und vor allem in der Deklaration der Menschenrechte niederschlugen
Sprecher IV: Stichwörter wie „Genfer Flüchtlingskonvention“, „Bleiberecht“, „politisches Asyl“ bedeuten, dass zum universellen Schutz der Menschenrechte auch der Schutz des Flüchtlings gehört.
Sprecher I: Keiner verlässt freiwillig sein Land, wenn es ihm gut geht!
Sprecher II: Bevor das Mittelmeer zum Massengrab wurde, waren wir schon einmal viel weiter auf dem Weg zu einer humanen Gesellschaft!
Sprecher III: In naher Zukunft wird sich zeigen, ob Europas Regierungschefs, und hier vor allem die deutsche Regierungschefin, die Kraft haben, etwas an der Einwanderungspolitik zu ändern. Ob sie die Tragödie von Lampedusa oder in der Ägäis aussitzen oder einen neuen Kurs in der Flüchtlingspolitik einschlagen.
Sprecher IV: Die notwendigen Schritte sind bekannt:
Sprecher I: Zum Beispiel eine Mission zur Rettung von Menschen in Seenot
Sprecher II: Oder mehr humanitäre Visa und Kontingentplätze für Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten, damit sie sich nicht in Lebensgefahr auf die Boote der Schlepper begeben müssen.
Sprecher III: Oder die Strafverfolgung von Schleppern, die Menschen finanziell auspressen.
Sprecher III: Auch Einführung eines europaweiten Verteilerschlüssels, um Italien, Zypern, Malta und Griechenland an Europas Außengrenze zu entlasten.
Sprecher IV: Nein, die Ertrunkenen von Lampedusa oder Griechenland waren keine „Wirtschaftsflüchtlinge“. Sie kamen aus Diktaturen und Kriegsgebieten wie Eritrea und Syrien. Die meisten hätten einen realen Anspruch auf Schutz gehabt, auf Grund der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.
Sprecher I: Wovor haben manche unter uns eigentlich so große Angst? Die Deutschen haben doch mehrfach bewiesen, dass sie mit großen Flüchtlingsströmen erstaunlich gut zurecht gekommen sind.
Sprecher II: Denken wir zum Beispiel an die 12 Millionen vertriebener Deutscher, die nach dem 2. Weltkrieg im Mutterland aufgenommen und integriert wurden. Auch dabei gab es Reibungen!
Sprecher III: Oder an die Tausende vietnamesischer Bootsflüchtlinge, die die Cap Anamur aufnahm und nach Deutschland brachte.
Sprecher IV: Oder an die 400 000 Flüchtlinge, die Deutschland während der Kriege in Bosnien und im Kosovo aufgenommen hat.
Sprecher I: Wir können nicht zunächst die Rohstoffe der Länder im Süden ausbeuten, ihnen die Böden zum Anbau unseres Viehfutters wegnehmen, ihre eigene Landwirtschaft durch unsere billigen Exporte ruinieren, und dann, wenn sie ihre Armut nicht mehr aushalten, sie an unseren Grenzen abweisen. Ganz abgesehen von denjenigen, die in ihren Heimatländern um ihr Leben fürchten müssen. Sie müssen uns willkommen sein!
Sprecher II: Natürlich verlief die Eingliederungen der Flüchtlinge nicht ohne Reibungen und Komplikationen und auch Ressentiments. Sie stellten die Kommunen, die Hilfsorganisationen, die Kirchengemeinden und Wohlfahrtsverbände vor große Herausforderungen. Aber unsere Gesellschaft hat diese Herausforderung ziemlich gut gemeistert und ist daraus eher gestärkt hervorgegangen!
Sprecher III: Wir sollten unsere Erfahrungen mit Flüchtlingen nicht als Krise empfinden, sondern als Erfolgsgeschichte verstehen.
Sprecher IV: Nein, Deutschland würde bei einer Reform der Flüchtlingspolitik nicht „überschwemmt“, das Boot ist nicht voll!
Sprecher I: 80 Prozent der Flüchtlinge bleiben, wie man am Beispiel Syrien sieht, ohnehin in der Nähe ihrer Heimat, um baldmöglichst in die Heimat zurückzukehren.
Sprecher II: Diejenigen, die nach Europa kommen, kann man auf alle europäische Mitgliedsländer aufteilen.
Sprecher III: Wie wir mit der Flüchtlingspolitik in Zukunft umgehen, wird über uns ebenso viel aussagen, wie unsere Militäreinsätze, unsere Entwicklungs- und Finanzpolitik.
Sprecher IV: Papst Franziskus hat die gegenwärtige Flüchtlingspolitik „eine Schande“ genannt. Wir sollten daran mitwirken, diese Schande zu beenden. Wir schulden das den Menschen, die aus purer Not ihr Leben riskieren. Wir schulden es auch uns selbst.

Der Text basiert auf dem Artikel aus der „Zeit“ vom 17. 10. 2013, „Die andere Heimat“, von Andrea Böhm.

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